Neue Landschaften
Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen

Jahreskalender 2006 - Titelblatt

 

An neuen Ufern

Nebel lichtet sich. Wellen schlagen an die neue Uferpromenade einer Stadt, deren Namen lange Synonym für Raubbau an Natur und Umwelt war. Gleich neben Bitterfeld – einst Braunkohlerevier und Chemiestandort – entwickelt sich heute ein Naturraum neuen Typs. Die Kulturlandschaft Goitzsche, nach der rapiden Deindustrialisierung der Region von Skeptikern eher als nebulöse Planerschimäre denn als Zukunftsperspektive betrachtet, gewinnt vor den Augen der Bleibenden zunehmend an Kontur. Aus Tagebauen, die sich über Jahrzehnte in die Landschaft fraßen, denen Dörfer, Auenwälder, selbst der natürliche Lauf der Mulde weichen mussten, wurden 25 Quadratkilometer Seenlandschaft. Es begann 1999 mit der „kontrollierten Fremdwasserflutung“ der zentralen Gruben, dann verkürzte Naturgewalt den auf Jahre geplanten Zeitablauf: Während der Flutkatastrophe im Jahr 2002 brachen die Wassermassen der Mulde aus ihrer Bahn und vollendeten das Seenprojekt sozusagen über Nacht.

Mit der „Bitterfelder Wasserfront“ hat die Stadt ihren Bürgern die neu gestaltete Umgebung zugänglich gemacht. Das Stadtzentrum wird mit dem neuen Hafen durch ein attraktives Wohnquartier verbunden. Als Stadtkante streng gefasst, zieht sich über vier Kilometer eine Uferpromenade bis zu einem Naturstrand hin. Dort lockt als Ausflugsziel der „Pegelturm“, die im Wasser schwimmende Landmarke ist das Wahrzeichen des neuen Landschaftsraums. Über eine Seebrücke aus Kunststoffpontons gelangt man zu der symmetrischen Konstruktion stählerner Wendeltreppen, von deren Spitze in 26 Metern Höhe sich ein weiter Blick über Dörfer, Seen und neue Landschaft öffnet. Unten, am Ufer des „Bernsteinsees“, lassen sich noch viele der fossilen Harztropfen finden, letzte Souvenirs aus der Braunkohlezeit. Unweit der B 100 gelegen, zieht der Strand an Sommertagen inzwischen zahllose Sonnensucher aus Leipzig, Halle, Dessau an, die zum Baden, Surfen, Segeln kommen. Radfahrer, Inline-Skater, Jogger und Wanderer gehen auf Tour in die Transformationslandschaft, auf rund hundert Kilometern Rundwegen lassen sich ungewohnte Landschaftsformen entdecken und Erfahrungen mit nicht alltäglicher Natur sammeln.

Was wird hier unter „Natur“ oder „Landschaft“ verstanden? Auf der Halbinsel Pouch lassen sich trichterförmige Kiesberge besteigen, auf deren Gipfel ein „Petrarca der Moderne“ über die „ökologische Ästhetik“ dieser Zwischenlandschaft sinnieren darf. Die Veränderungen der Natur durch den Menschen sind irreversibel. Aber müssen alle Spuren davon unversöhnlich bleiben? Die inszenierten Landschaftskunstwerke der Halbinsel stellen das Bild einer idealen, d.h. vorindustriellen Kulturlandschaft in unseren Köpfen in Frage. Absichtsvoll sollen sie erinnern, mahnen, einen Weg in die Zukunft weisen. Eine Zukunft, von der die Natur schneller wieder Besitz ergreift, als viele glauben. Auf 1000 Hektar ausgewiesenen „Wildnis-Arealen“ kehren fast vergessene Gäste wieder. Kormorane, Kraniche oder Seeadler sind mit dem Fernglas zu beobachten, selten gewordene Pflanzen finden dort ein Refugium.

Und der Mensch? Die Rekultivierung heimatlichen Landschaftsraums, Gastronomie und „sanfter“ Tourismus inklusive, wird für einige die Chance auf Arbeit bieten. Einer ganzen Region immerhin erwächst daraus Anlass für würdevolle Identifikation. Glück auf!

 

Grünordnungs- und Bebauungsplan „Bitterfelder Wasserfront“
Seebauer | Wefers und Partner GbR, Berlin, www.swup.de

Text: Holger Lauinger

Foto: Tillmann Schrader