Arbeitskreis
»Nachhaltiges Planen und Bauen«

Nachhaltigkeit beginnt im Kopf

DAB 8/2013

Als nachhaltig werden heute viele Produkte bezeichnet und wie es so oft ist, wird dieser Begriff inflationär ohne tieferen Bezug und Verständnis verwendet. Die Welt des Marketings überschwemmt uns mit Prädikaten und Gütezeichen einer scheinbaren Nachhaltigkeit.

Im Baubereich findet die Nachhaltigkeitsdiskussion seit 2008 mit zunehmender Intensität ihren Raum. Kritiker sehen darin nichts neues, es wurde in Deutschland schon immer nachhaltig gebaut, Architekten fürchten seit der Einführung von Bewertungssystemen, wie z.B. des Bewertungssystems für Nachhaltiges Bauen (BNB) des Bundes oder des Systems der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB), um ihre gestalterischen Freiräume, Bauverwaltungen sehen eine Zunahme ihres Arbeitspensums, Hersteller eine Ausgrenzung ihrer Produkte, Auftraggeber erwarten eine Kostenzunahme, die Wohnungswirtschaft eine Steigerung der Mietkosten, die nicht mehr finanzierbar ist, und Ingenieure beklagen die zunehmende Komplexität.

Wir wissen aus Erfahrung, dass jede Wahrnehmung ihre Berechtigung hat und jede Aussage, für sich betrachtet, erfasst einen singulären Aspekt. Bei Betrachtung des ganzen Bildes lösen sich diese trennenden Blick- und Bewertungstendenzen jedoch schnell auf. Das deutet schon darauf hin: – Nachhaltigkeit beginnt im Kopf – Wir kennen die Aussage von Albert Einstein, dass wir ein Problem nicht mit dem gleichen Denkmodell lösen können, wie es entstanden ist. Das Nachhaltige Bauen eröffnet uns neue Möglichkeiten größere Zusammenhänge zu erfassen, zu durchdenken, neu zu gewichten und nach neuer Erkenntnis zu handeln. Wir brauchen also eine Kultur der Offenheit für neue Ideen und Denkmodelle, um lebensorientierte Gebäude zu entwickeln und den Bestand in dieser Richtung zu modernisieren.

Vieles Neue von früher ist uns heute im Alltag selbstverständlich: Wertstofftrennung, CarSharing, Secondhandkleidung und vieles mehr. Dazu müssen wir uns nicht revolutionieren, sondern wir brauchen unser Wissen nur konsequent anzuwenden. Darin liegt auch heute wieder die Herausforderung. Es geht  nicht nur um neue Entwicklungen, sondern auch darum, Bekanntes neu zu betrachten. In unserem sprachlichen Umgang setzen wir uns in meiner Wahrnehmung damit zu wenig auseinander. Beispielsweise setzt die Baubranche den Mangel in den Fokus ihres Maßstabes. Die Mängelbeseitigung! Andere Branchen nutzen das Modell des Qualitätsmanagements und ganz Kreative verwenden den Begriff des Kunstfehlers. Allen Begriffen liegt mehr oder weniger die gleiche Tatsache zu Grunde, aber durch völlig unterschiedliche Intentionen und Denkmodelle werden unterschiedliche Botschaften vermittelt.

Wenn wir versuchen, den Kern der Nachhaltigkeit zu erfassen und uns aufmachen, tiefer zu denken, erschließt sich uns schnell, dass ein nachhaltiger oder anders gesagt achtsamer, vorausschauender Umgang mit uns und den zur Verfügung stehenden Mitteln sinnvoll und lebensnotwendig ist. „Wir können nicht mehr verbrauchen als uns zur Verfügung steht oder wir können nicht mehr ausgeben als wir besitzen“, sind kluge und verantwortungsvolle Weisheiten, die immer mehr Menschen für sich entdecken und eine Wirtschaft ersinnen, die ein förderliches Miteinander als Grundlage schafft.

In seinem Buch „Wir sind die Wirtschaft“ beschreibt Kai Romhardt ein neues Bild des Wirtschaftens. Er verdeutlicht unsere Beziehung zum Geld. Er hinterfragt den Umgang mit Geld und erläutert die Folgen, wenn Geld nicht mehr Mittel sondern Zweck ist. Er zeichnet ein Bild des Wandels der Gelddominanz hin zu einem förderlichen Umgang mit unserem Geld. Eine Welt, die sich an diesem Sinn orientiert, verkörpert die Balance zwischen Werthaltigkeit und Lebensqualität.

Als Menschen sind wir Sinneswesen und wir sehnen uns nach Liebe, Anerkennung, Sicherheit und nach Beziehungen zu anderen. Dort, wo Beziehung fehlt, wächst Abgrenzung, Isolation und Disharmonie, das Verständnis für diesen Zusammenhang von Ursache, Wirkung und Folge geht verloren – so auch im Zwischenmenschlichen, zur Natur und in Bezug auf die gebaute Welt. Ein Nebeneinander, entwurzelt und orientierungslos, und ein immer stärker werdender Drang nach Wahrnehmung enden in einer verlorenen Welt, wo wir vergeblich nach Qualitäten und Sinnesfreuden suchen. Wie viel wissen wir über die Herkunft der von uns verwendeten Baustoffe, Produkte und die Herstellungsbedingungen? Was bedeutet dies für Mensch und Natur?

Wir leben in einer Welt, in der das Bewusstsein für Zusammenhänge und deren Auswirkungen zunimmt. Wir wissen, dass wir uns von globalen Veränderungen nicht abgrenzen können. Das Verbundensein zwischen Allen und allem wird uns immer deutlicher, sei es durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2008 oder die Aschewolke aus dem Jahr 2010 nach dem Ausbruch des Vulkans Eyjafjalljökull auf Island.

Nicht nur Architektur sondern wir alle stehen unter den Einflüssen globaler Entwicklungen und Veränderungen. Diese haben heute einen immer größer werdenden Einfluss auf lokale Gegebenheiten und damit auf uns. Menschen in China, Indien oder Brasilien möchten die gleichen Bedürfnisse nach einem Kühlschrank, einem Handy, einem Haus oder einer Wohnung wie Menschen bei uns oder in Europa verwirklichen. Daraus resultiert eine höhere Nachfrage nach Rohstoffen. Rohstoffpreise sind eng an die Entwicklungen des Weltmarktes gekoppelt. Regionalität hat längst eine völlig neue Bedeutung im globalen Kontext erhalten. Immer mehr Menschen befinden sich bereits in einem Umdenkungsprozess und hinterfragen bisherige Denk- und Handlungsmodelle. Eine Lebensführung und Lebensgestaltung, die den nachhaltigen Umgang mit unseren Ressourcen fördert und unsere Lebensräume achtet, entwickelt sich stetig. Wie schaffen wir Lebensräume, die nachhaltig wirken und für nachfolgende Generationen Entwicklungsräume offen lassen, ist eine sehr zentrale Frage mit besonderer Bedeutung für Ingenieure und Architekten. Wir verbringen nahezu 90 % unseres Lebens in Gebäuden. Daher sind wir aufgefordert, nachhaltiger zu bauen, mit weniger Ressourcen unsere Bedürfnisse zu decken, leichter und sortenreiner zu bauen, neue Materialien und Konstruktionen zu entwickeln, weniger Energie aus fossilen Rohstoffen für die Herstellung von Baustoffen einzusetzen, die Nutzung von solarer Energie weiter voranzubringen, eine neue, achtsame Architektur zu erdenken und zu verwirklichen.

Das Planen und Bauen war schon immer eine Gemeinschaftsleistung und ist es auch heute. Um alle Einzelwahrnehmungen wie eingangs beschrieben zu einen und zu einer erweiterten Betrachtung zu führen, brauchen wir ein übergreifendes Zusammenwirken von Ingenieuren, Architekten, Hochbauämtern, Bauverwaltungen, dem Handwerk und der Industrie, Herstellern und Auftraggebern, einen interdisziplinären und integralen Planungs- und Bauprozess, einen Gewerkedialog, um frühzeitig alle Wissens- und Erfahrungsträger an einen Tisch zubringen. Wir sollten uns fragen, ob unsere Auswahlverfahren in der bisherige Anwendungspraxis von Ausschreibungen noch zeit- und zielgemäß im Sinne des Nachhaltigen Bauens sind? Soll das bestehende Wettbewerbswesen weiter eine Komponente mit den bekannten volkswirtschaftlichen Schäden bleiben? Brauchen wir mehr Kooperationen, um die künftigen Aufgaben effektiver und nachhaltiger in der Gemeinschaft zu lösen? Ist unser bestehendes Honorierungssystem der HOAI in seiner Logik richtig, wenn wir doch mit weniger Ressourceneinsatz unsere Bedürfnisse decken wollen? Brauchen wir eine ganz neue Betrachtung der Prozessphasen im Sinne der Lebenszyklen von Bauwerken?

 

  • Phase 1 - Entwickeln & Genehmigen 
  • Phase 2 - Planen & Beschaffen
  • Phase 3 - Ausführen & Inbetriebnehmen 
  • Phase 4 - Nutzen & Betreiben
  • Phase 5 - Abbrechen & Recyceln

Bei allen Betrachtungen zum Nachhaltigen Bauen geht es jedoch nicht nur um Ressourcen-optimierung, Energieeffizienz, Minderung von CO2, Lebenszykluskosten, Ökobilanzierung, Drittverwendung und Umnutzugsfähigkeit, Reinigungs- und Instandhaltungsfreundlichkeit, sondern auch um unsere emotionale Seite. Unser Wohlbefinden prägt maßgeblich unsere körperliche, geistige und seelische Gesundheit.

Wir sehnen uns nach einer Architektur, einer gebauten Welt, die uns anspricht. Damit wird unser Bedürfnis nach Schönheit, Harmonie und Ausgewogenheit deutlich. Wie Aristoteles bereits feststellte „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Gute Architektur macht sich beim Betrachter verständlich und wir brauchen keine Meister zu sein, um sie zu verstehen. Wir haben ein angeborenes Gespür dafür, ob sich Dinge entsprechen und eine Ausgewogenheit verkörpern.

Schöne Gebäude, finde ich, sind motivierend, faszinierend und bereichern unser Leben. Wir brauchen die Welt nicht auf den Kopf zu stellen, um nachhaltig(er) zu bauen und zu leben. Mit Offenheit, Vertrauen, Freude und der Lust am Tun entfaltet sich mehr und mehr eine Welt, die im Einklang ist. Wir können bestehende Denkmodelle und Gewohnheiten Schritt für Schritt ändern, wenn wir unser Wissen und unsere Erfahrung voll ausschöpfen und ein Denken in größeren Zusammenhängen praktizieren. Wenn wir eine Kultur des förderlichen Miteinanders leben und in übergreifenden Prozessen zusammenwirken können Architekten dazu beitragen eine lebendige Baukultur weiterzuentwickeln und das nachhaltige Bauen in die Welt zu tragen. In diesem Sinne keimt Nachhaltigkeit in den Herzen der Menschen.

 

Gerd Priebe, Freier Architekt, Sachverständiger für Nachhaltiges Bauen, Auditor der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, Mitglied im Projektausschuss der Forschungsgruppe Textilbeton TU Dresden, www. gpac.de