Corona-Krise als Chance für die Baukultur

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

während ich diese Zeilen schreibe, wird gerade die Entscheidung verkündet, die rigiden Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung bis in den Mai zu verlängern und nur einzelne Bereiche schrittweise wieder freizugeben. Die Einschränkungen unserer persönlichen Freiheiten sind nach wie vor erheblich; der Verlust des Gewohnten, die Einengung des Lebensumfelds bei gleichzeitiger Einsicht in die Notwendigkeit kondensiert in einer Art akzeptierender Demut, aber gepaart mit der Hoffnung auf bessere Zeiten.

Das Wort »Krise« bedeutet ursprünglich so viel wie »Entscheidung« oder »Wendepunkt«, und so müssen wir dankbar sein, dass sich unser Staat und seine Repräsentanten in dieser Lage als funktionsfähig, verantwortungsvoll und entscheidungsfreudig erwiesen haben.

Gleichzeitig bringen die letzten Wochen einige Erkenntnisse hervor, die über die aktuelle Situation hinauswirken können: Das jahrzehntelange Ideal der westlichen Welt, wonach jeder sich als Individualist frei verwirklichen kann, würde in der aktuellen Lage geradewegs in die Katastrophe führen und muss einem neuen (oder alten?) verantwortungsvollen Gemeinsinn Platz machen. Wir lernen, wie verletzlich und anfällig unser Wirtschaftssystem unter dem Mantra der Rationalisierung und Globalisierung geworden ist, und dass das Gesundheitswesen sich nicht nur nach Kosten-/Nutzenkriterien bemessen lässt. Wir stellen fest, wie viel die Kultur- und Kreativwirtschaft zu unserer Lebensqualität beiträgt, und dass wir ein Restaurant mit guter Küche, einen geöffneten Biergarten bei Sonnenschein und vor allem gesellige Treffen mit Freunden stärker vermissen als eine abgesagte Urlaubsreise.

Ganze Branchen sind stillgelegt - und bisher bei Einkommen und Arbeitsbedingungen eher benachteiligte Berufsgruppen wie Pflegepersonal, Angestellte im Supermarkt, LKW-Fahrer und Paketzusteller sind plötzlich »systemrelevant«. Heißt das nun, dass wir Architekten nicht (mehr) relevant sind? Beim Deutschen Architektentag im vergangenen Jahr unter dem Motto »Relevanz – Räume prägen« haben wir dies doch selbstbewusst für uns beansprucht. Haben wir uns überschätzt? Sicherlich nicht. Aufmerksamkeit – gerade in den Medien – ist ein flüchtiges Gut, aber wenn jede Schlagzeile zu »Corona« gedruckt worden ist und sich der Blick wieder weitet, werden wir feststellen: selten zuvor haben so viele Menschen, ob nun architektonisch interessiert oder nicht, am eigenen Leib erfahren (müssen), welchen Wert sowohl der private Raum, als auch die gebaute öffentliche Umwelt haben.

Wer seit Wochen in Quarantäne in den eigenen vier Wänden festhängt, wird deutlicher als zuvor merken, welche Bereiche seiner Wohnung gut funktionieren und welche nicht, ob und wie gut sich die Funktionsbereiche als variabel erweisen und etwa ein vorher nicht
geplantes Home-Office ermöglichen. Ein geräumiger Balkon bedeutet plötzlich ungeahnte Lebensqualität, während fehlende Rückzugsmöglichkeiten den letzten Nerv rauben können. Der Wert öffentlicher Gebäude, von Einkaufszentren über Schulen und Universitätsgebäude bis zu Bibliotheken und Opernhäusern zeigt sich erst dann, wenn sie nicht mehr jederzeit verfügbar sind – denn sie bilden den Rahmen für Vieles, was unser soziales Leben ausmacht und bilden damit Brennpunkte der Interaktion zwischen Menschen.

Und schließlich stellen wir beim Blick auf derzeit fast leere Straßen und Plätze fest, dass eine Stadt ein lebendiges und belebtes Gebilde ist, das sich zwar einerseits evolutionär entwickelt, dabei aber andererseits bewusst gestaltet ist und im Wechselspiel aus  Ermöglichung und Begrenzung die Bühne bereitet für die Menschen, die sie bewohnen und benutzen. Grünanlagen und Parks erfreuen sich ungewohnter Beliebtheit, seit der Bewegungsradius für Fahrten ins Grüne eingeschränkt ist.

All diese Umwelten, vom Innenraum bis zum Stadtraum, werden von Architekten gestaltet, und welchen Nutzen dies für den Einzelnen wie für die Gesellschaft als Ganzes hat, zeigt sich überdeutlich in der derzeitigen Situation. Erst die Beschränkung führt zur Wertschätzung dessen, was man für selbstverständlich hielt, und damit wird der Wert von Architektur auch für Laien spürbar.

Es liegt an uns, diese kollektive Erfahrung als Chance für die Vermittlung von Baukultur zu nutzen. Noch weiß niemand, wie sich die Situation in einigen Wochen darstellen wird, aber wenn es die Lage dann zulässt, wäre der Tag der Architektur 2020 eine gute Gelegenheit, damit anzufangen.

Ihr Andreas Wohlfarth, Präsident

Der Brief des Präsidenten der Architektenkammer Sachsen wurde im DAB Mai 2020 veröffentlicht.