04.03.2022

Hochschullehrer und Architekt – Nachruf auf Prof. Dr. h.c. Leopold Wiel

Architektenkammer Sachsen und Stiftung Sächsischer Architekten trauern um Prof. Dr. h.c. Leopold Wiel, der am 26. Februar 2022 im Alter von 105 Jahren verstorben ist. Er gehörte zu den bedeutenden Figuren im Architekturgeschehen der DDR. Zu den zahlreichen, ihm für sein Lebens- werk zuteil gewordenen Würdigungen gehört die Ernennung zum Ehren- mitglied der Architektenkammer im Jahr 1994.

Am 14. Mai 1916 im westfälischen Elberfeld geboren, zog es Leopold Wiel nach Maurertätigkeit und Besuch der Höheren Technischen Lehranstalt für Hoch- und Tiefbau in Wuppertal zunächst nach Weimar, wo er 1938–40 an der Hochschule für Baukunst und Bildende Künste u.a. bei Denis Boniver Architektur studierte. Nach dem Dienst im Zweiten Weltkrieg, bei dem er schwer verwundet wurde, kehrte er nach Weimar zurück und gründete mit Friedrich Schwertfeger ein Architekturbüro. Parallel dazu lehrte er an der Weimarer Hochschule. 1951 folgte er einem Ruf an die TH Dresden und prägte dort fortan Generationen von Architekturstudenten mit seiner Entwurfs- und Werklehre. Nachhaltig vermittelte er ihnen, dass das Entwerfen nicht allein auf einem von Funktionalität und Ästhetik getragenen Ideenfindungsprozess beruhen dürfe, sondern auch auf den konstruktiven Belangen des Bauens. Sein Lehransatz war, die Baukonstruktionen konsequent auf einer Maßordnung aufzubauen, um eine Ordnung des Baugefüges und so eine Vereinfachung des Herstellungsprozesses zu erreichen. Bekannt wurde er durch sein 1955 veröffentlichtes Lehrbuch „Baukonstruktionen unter Anwendung der Maßordnung im Hochbau“ und das 1967 nachfolgende, in 12 Auflagen erschienene Lehrbuch »Baukonstruktionen des Wohnungsbaues«. Beide Bücher wurden zu Standardwerken der Architekt:innen und lagen – kurz »Wiel« genannt – auf nahezu jedem Zeichentisch. Zusammen mit seinem Kollektiv zeichnete er gleichzeitig als Architekt für zahlreiche Entwürfe und Ideenvorschläge verantwortlich, mit denen er sich nicht selten den staatlichen oder parteilichen Anordnungen widersetzte und sich dennoch oder gerade deshalb in die Planungs- und Baugeschichte der
DDR einschrieb. Seine Wohnungsbauentwürfe ab Mitte der 1950er Jahre zielten auf Vielfalt und Variabilität, wie die von ihm 1957 in Berlin-Karlshorst als Experimentalbauten errichteten Wohnzeilen belegen. Besonders in Erinnerung bleibt er mit seinem 1959 im Rahmen eines Wettbewerbs entworfenen Kulturhaus für Dresden, das nach beispiellosem Kampf um die Symbolhaftigkeit sozialistischer Architektur zum Ideenentwurf für den später so bewunderten wie beliebten, von seinem Freund Wolfgang Hänsch (1929–2013) letztlich realisierten Kulturpalast diente. Parallel dazu stand er gemeinsam mit Denkmalpflegern und Mitstreitern gegen die geplanten zahlreichen Abrisse von Ruinen im einstigen Dresdner Altstadtkern ein. Es gehört auch zu seinen Verdiensten, dass das Taschenbergpalais, das Residenzschloss oder die Frauenkirche schließlich wiederaufgebaut werden konnten.

Seine professorale Ausstrahlung behielt er bis ins hohe Alter. Mit seinem bewundernswert regen, kritischen Geist war er bis zuletzt ein hervorragender Gesprächspartner, den wir sehr vermissen werden.
(Text: Susann Buttolo)

Leopold Wiel