Neujahrsgruß

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in unserer Vertreterversammlung am 15. November 2019 habe ich die Nachfolge von Alf Furkert angetreten, der die Architektenkammer Sachsen zehn Jahre lang souverän und kompetent geleitet und dabei vieles erreicht hat – große Fußstapfen für jeden Nachfolger! Ich bin dankbar für das entgegenbrachte Vertrauen und freue mich auf die anstehenden neuen Aufgaben – empfinde gleichzeitig aber auch Respekt und Demut vor den Herausforderungen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen werden. Ich sage bewusst »uns«, denn ich sehe mich trotz der herausgehobenen Stellung des Präsidenten als primus inter pares, der zum Gelingen unserer Anliegen auf eine gute Zusammenarbeit im Vorstand, in der Vertreterversammlung, mit den unterschiedlichen Gremien unserer Kammer und nicht zuletzt den hauptamtlichen Mitarbeitern in der Geschäftsstelle sowie den Kollegen der anderen Länderkammern angewiesen ist. Diesbezüglich sind wir sicher gut aufgestellt, inhaltlich sieht sich unser Berufsstand aber durchaus ernst zu nehmenden Themen gegenüber. Das System der Freien Berufe blickt zwar auf eine lange Tradition zurück und hat sich – gerade auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, zuletzt in der sogenannten Bankenkrise – durch Stabilität und Resilienz bewährt, stellt aber im europäischen Kontext eine Besonderheit dar. Das im letzten Sommer ergangene Urteil des EuGH zu den Mindestsätzen der HOAI reiht sich dabei ein in schon ausgefochtene und noch zu erwartende Gefechte um das richtige Maß zwischen Marktliberalismus und notwendiger Kontrolle sowie Regulierung, auch zugunsten der Allgemeinheit.

In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wie weit wir auf Grundlage des EuGH-Urteils noch Verbesserungen in Richtung eines Berufsausübungsrechts für Architekten erreichen können. Das Thema Klimawandel begegnete mir schon in meiner frühen Schulzeit zum ersten Mal, damals noch als eher ferne Dystopie, inzwischen aber unwiderlegbar und akut. Und unsere eigenen Kinder schreien uns freitags ins Gesicht, dass wir uns endlich angemessen darum kümmern sollen. Wir Architekten befinden uns dabei in doppelter Weise an einer Schlüsselposition. Erstens, weil die von uns verantworteten Werke für Jahrzehnte Bestand haben, und zweitens, weil wir mit unserer Expertise die Bauherren für ihre Verantwortung sensibilisieren können und müssen, zumal wir durch unser Berufsethos immer auch der Gesellschaft verpflichtet sind. Wir müssen Teil der Lösung, nicht des Problems sein!

Gleichzeitig hat sich die Digitalisierung zu einer sich selbst erhaltenden Kraft entwickelt, die unter dem Versprechen der Arbeitserleichterung, Rationalisierung und Gewinnmaximierung ganze Wirtschaftsbranchen umkrempelt und dabei keine Rücksicht auf gewachsene Strukturen nimmt. Unser Ansinnen als Architekten mit dem Anspruch als Generalisten muss sein, uns auf den sich entwickelnden neuen Geschäftsfeldern weiterhin als der wichtigste Ansprechpartner für unsere Bauherren zu behaupten. Sonst verkümmert unser Beruf womöglich zu einem von vielen subalternen Dienstleistern, die der von Künstlicher Intelligenz geführten Bauabteilung großer Konzerne zuarbeiten müssen.

Der notwendige Anpassungsprozess stellt gerade die kleinen Architekturbüros vor erhebliche Herausforderungen. Die Kammer kann die dafür notwendigen Maßnahmen und unternehmerischen Entscheidungen nicht abnehmen, sie kann aber mit Fortbildungsangeboten, Empfehlungen zu bewährten Arbeitsweisen, Erfahrungsaustausch und Mitgestaltung bei Themen wie Digitalem Bauantrag, Digitaler Vergabe oder Definition von BIM-Anforderungen mithelfen, den Wandel zu erleichtern.
Weitere Themen, die uns eher regional betreffen, sind die Mitgestaltung des Strukturwandels in den Braunkohlegebieten, die Stärkung der Ländlichen Räume (Probleme in der Stadt werden auch auf dem Land gelöst!) und die Gewinnung von Nachwuchs für unsere Berufe.

Über all den anstehenden Problemen dürfen wir nicht vergessen, dass wir den vielleicht schönsten Beruf der Welt ausüben: Wir dürfen nicht nur kreativ gestalten, konstruktiv entwerfen und funktionell optimieren, sondern auch daran mitwirken, wie aus unseren Gedanken gebaute Realität wird, in denen Menschen leben, wohnen und arbeiten.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns Gesundheit, Tatkraft, gute Ideen, Durchsetzungsvermögen und das kleine Quäntchen Glück, wo es nötig ist – und schließlich den kollegialen Zusammenhalt, ohne den auch die Architektenkammer nicht funktionieren kann.

Ihr Andreas Wohlfarth, Freier Architekt
Präsident