„Architekten On The Road“

Sommerschau 2021 der Architektenkammer Sachsen

Vorwort

„Nach der Sommerschau ist vor der Sommerschau“, so sei ihr Motto bei der Motivsuche auf Reisen, erklären mir Ausschussmitglieder. „Oh“, dachte ich, „an der Nordsee, da findet sich was Schönes mit Möwen, Muscheln und Reethäuschen…“

Nach einer genüsslichen Idyllwoche zieht es uns nach Bremerhaven mit Freude auf 70er-Flair, Hafenatmosphäre, futuristische Zoowelt, Hightech-Klimahaus, usw. Bei 35°C ohne Schatten erreichen wir den Hafenplatz, heiß glühend und betongrau. Wir flüchten uns in die „Strandhalle – Saisonküche mit Meerblick“. Hinter uns befinden sich Klima- haus und Zoo, vor uns die weite und lang- gestreckte, leere Mole in der blendend silber-glänzenden Bucht, davor das Denkmal „die Auswanderer“. Eng aneinander gedrückt schaut eine Familie suchend, unsicher hoffend auf bessere Welten, auf die Bucht ins weite Blau.

Wir fragen den freundlichen Kellner nach Sehenswertem. Er antwortet mit folgendem Witz: „Kommt ein Gast nach Bremerhaven und fragt den Kellner, was es hier an Sehenswürdigkeiten gibt. Die Antwort: Das Beste an Bremerhaven ist der Zug nach Bremen.“ Wir schauen uns sprachlos an. Es wird schwüler, über dem Wasser flirrt die Hitze, vom Land ziehen die angekündigten Gewitterwolken auf. Wir wenden uns mit Corona-Abstand an das ältere Paar am Nachbartisch. „Fischereihalle, sowas gibt es hier doch sicherlich?“ „Ja, mmh“, er erzählt, sie seien aus Bremen, aber ja, die solle es hier auch geben, im Süden, denkt er. Wir nicken und bestellen nun gemeinsam Alsterwasser mit Blick auf die Bucht. Die Fährfahrt durch die gewitterschwangere Bucht wird der Abschied des Sightseeings. Entlang von Gewerben, dicht ebeneinander lagern auf weiten Flächen die Flügel künftiger Offshore-Windparks, davor einzelne krakenhafte verlassene Ladekräne. Fantastisch, so etwas mal planen zu dürfen.

... ein paar Wochen später ein typischer Architektur-Newsletter mit wundersam ausgebauten Wohn-Kraken*. Haben wir nicht einen coolen Beruf? Manche dürfen Road-Träume kreieren.

Viel Spaß bei unserer Sommerschau!

Beate Weißer-Lindner
Architektin und Mitglied im Ausschuss
Öffentlichkeitsarbeit

* „THEKRANE“ Kopenhagen von dem Büro Arcgency (https://arcgency.com/thekrane)

Nur Fliegen ist schöner

Garmisch-Partenkirchen, Bayern

Garmisch-Partenkirchen im Februar 2020. Wir fuhren mit der Alpspitzbahn auf den Osterfelderkopf und hatten von der Aussichtsplattform einen grandiosen Blick auf die tief verschneiten Alpengipfel. Keiner ahnte damals, dass uns dieses Reiseziel schon vier Wochen später verschlossen sein würde.

Eigentlich wollten wir weiter über die Hochalm zum Kreuzeck, doch dieser Weg war wegen Lawinengefahr gesperrt. Schade, denn die Kreuzeckbahn ist eng mit dem Wirken sächsischer Industriebauer verbunden. Durch das Leipziger Seilbahn-Unternehmen „Adolf Bleichert & Co.“ errichtet, war die Drahtseilbahn 1926 eröffnet und nach 76 Jahren Betrieb in 2002 mit neuer Seil- und Kabinentechnik modernisiert worden. Ebenfalls von „Bleichert“ stammen die von österreichischer Seite auf den Berg führende „Tiroler Zugspitzbahn“, die „Gipfelseilbahn Zugspitze“ zum „Schneefernerhaus“, das als Hotel und Bergbahnhof der Bayerischen Zugspitzbahn errichtet wurde und heute als Umweltforschungsstation dient.

Auch das Hotel ist ein markantes Beispiel sächsischer Ingenieursleistungen. Es war von der „Christoph & Unmack AG“ 1930 in nur 39 Tagen gebaut worden, welche in dieser Zeit als europaweit führendes Unternehmen zur Herstellung von Fertigteil-Holzbauten aller Art galt. Konrad Wachsmann, hat von 1926–29 als Chefarchitekt bei „Christoph & Unmack“ die Weiterentwicklung der Qualität der Holzbau-Fertigung maßgeblich mitbestimmt.

Frieder Hofmann

Komm, lass eine rauchen

Bechtheim, Hünstetten

„Komm, lass draußen eine rauchen“, sagte mein Freund zu mir, als wir im Sommer bei Verwandten von ihm in Bechtheim (Hü nstetten) „das Dorf der drei Kirchen“ zu Besuch waren. Für einen Ort mit gerade einmal etwas über 900 Einwohnern ist das auffallend. Die Baukunst hier hat sich im Laufe der über 700 Jahre stark verändert. Den alten Ortskern prägt die Evangelische Pfarrkirche mit Sandsteinwänden, üppig geschnitzten Holztüren und Bruchsteinmauern. Zahlreiche liebevoll restaurierte oder gut erhaltene Fachwerkhäuser mit Schieferdeckung schaffen eine gemütliche und rustikale Atmosphäre. Die Mehrfamilienhäuser aus den 1950/60er Jahren und die modernen Einfamilienhäuser fügen sich mit Größe, Proportion und Materialität in das Gesamtbild ein.

Und manchmal entdeckt man auch ganz besondere Details, die einen zum Schmunzeln bringen. Solch ein Detail ist am sogenannten „Zigarettenhaus“ zu finden. Die Betonpalisaden am Aufgang zur Haustür ähneln doch sehr einer sorgfältig aufgereihten Zigarettensammlung – manche noch unverbraucht, andere bereits ein Stück abgebrannt. Entweder war sich der/die Gestalter/in dessen nicht bewusst und liebte einfach die Idee von einem südländisch wirkenden kamelfarbenen Sockel passend zu dem kleinen Steingarten oder er/sie ist schlichtweg leidenschaftliche/r Raucher/in. Die Frage bleibt offen, klar ist nur: Wenn man gerade das Rauchen aufgeben will, sollte man besser die Raiffeisenstraße meiden.

Beatrice Puschkarski

Im Hochgebirg

Cerro Fitz Roy, Anden, Chile/Argentinien

„Steig, o Seele, mit diesen
Trutzigen Urweltriesen!
Recke dich!
Strecke dich! –
Wie ihr entschlossen
Seid emporgeschossen,
Das Steinherz in der Brust,
Das zu sehen ist Lust.
Ihr seid nicht höflich und fein,
Ihr lüget nicht, weich zu sein,
Euch macht nicht Sorge
und Rücksicht bang,
Ihr bücket euch nicht, ihr fraget nicht lang,
Die Losung heißt: Durch! die Losung heißt: Kraft!
So habt ihr euch Platz in der Welt
verschafft.“*

*F. Th. Vischer „Im Hochgebirg“

Der 3.406 m hohe Cerro Fitz Roy in den argentinisch-chilenischen Anden, in einer der seltenen sichtbaren Minuten im Sommer.

Henning Seidler

Segeltour um Rügen

Less is more

Less is more! Architektur – schafft Raum für Kommunikation.

Eine der für Funk- und Radarzwecke im Bereich Peenemünde gebauten „Inseln“ ist beräumt, aber nicht beseitigt worden. Das Angebot ist angenommen worden, bis hin zu den erhöhten Plätzen für Beobachter und/oder Chefs. Die gestalterischen Ansprüche sind auf den Ausblick bzw. die Aussicht reduziert.

Reicht das für die Gestaltung zeitgenössischer Architektur?

Alternativ oder ergänzend: die Hafenansicht von Stralsund. Das Meer vor der historischen Silhouette der Stadt ergänzt um Ozeaneum und historisches Segelschiff, der verstärkte Bezug zum Meer verdeutlicht durch Gestaltung, Material und Farbe.

Eike Münke

Emaille-Schild Stonsdorfer Kräuterlikör

Foyer des Schlosshotels Staniszów, Stonsdorf

In Stonsdorf im Hirschfelder Tal wurde bis 1945 dieser Kräuterlikör hergestellt. Heute wird im hervorragend instandgesetzten Schlosshotel Staniszów der „Echt Stonsdorfer Bitter“ der Berentzen-Gruppe aus Norderstedt, Schleswig-Holstein, kredenzt.

Peter Prohl

Wohnhäuser und Architekturgärten am Ofenstein

Eisenach

Jedes Jahr versuchen wir, uns ein paar Tage Zeit zu nehmen, um eine kleine „Kulturreise“ in Deutschland zu unternehmen. Die Tage sind immer mit möglichst vielen Sehenswürdigkeiten, Museen, Stadtrundgängen und Vorträgen verplant, so dass wir dann wieder gesättigt und mit neuen Eindrücken in den Alltag zurückkehren können. Nach zwei Besuchen in Weimar und Wittenberg sollte es nun 2019 die Wartburg in Eisenach sein.

Am Anreisetag blieb noch Zeit, die Gegend zu erkunden, und so machten wir uns auf den Weg zum Burschenschaftsdenkmal auf der Göpelskuppe. Wir hatten Glück mit dem Wetter, ein warmer Oktobertag mit viel Sonne, und ein endloser Weg bergauf. Also langsam angehen und die Gegend erkunden. Auf halber Strecke kamen wir an diesen Häusern vorbei, die schon etwas in die Jahre gekommen, trotzdem noch bewohnt und sehr eigenwillig wirkten.

Bei Wikimedia Commons stehen dazu folgende Informationen:

„Die aus sechs Häusern mit Steildach bestehende Reihenhausanlage wurde 1927 vom Baubüro der Reichsbank Berlin entworfen und für das Direktorium der Eisenacher Filiale errichtet. Die gleichartigen Häuser unterscheiden sich in der Farbe des Putzes.“

Die Häuser stehen auf der Liste der Kulturdenkmäler auf der Karthäuserhöhe und werden hoffentlich irgendwann restauriert.

Jana Krug und Kerstin Bethe

Kannibalismus

Leipzig

Glücklich wer nach „kurzem“ Abparken des geliebten Rades und Verlust des Blickkontaktes die wichtigsten Teile seines Rades wiederfindet, die einen Wiederaufbau zumindest möglich erscheinen lassen und das ursprüngliche Fahrvergnügen versprechen.

Unvergessen bei allen von Verlust geplagten Radfahrern: der sich im Sommer 2020 formierende Demonstrationszug vor der Polizeiwache in Leipzig-Connewitz unter dem Motto „Wo, wo, wo sind unsere Räder?“

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte. Wir wollen aber nicht klagen, leisten wir doch mit den zur Verfügung gestellten Ersatzteilen für immobile Bevölkerungsschichten unseren persönlichen Beitrag zu deren Mobilisierung und geben der Verkehrswende den entscheidenden Impuls zum Gelingen.

Andreas Leipold

Khatadyn Örgöö Museum

Bayan Adraga Sum, Chentii Aimag, Mongolei

Eine Steppenexkursion führte uns im Sommer 2013 in die nordöstliche Mongolei, das Stammland des dort beinahe als heilig verehrten Chinggis Khaan. Flach gewellte Wiesentäler wechseln hier mit kleineren Flussauen und bewaldeten Höhenzügen ab. Die Besiedlung ist eher dünn zu nennen. Wir nähern uns der Kreisstadt Bayan Adraga, um Nahrungsmittel einzukaufen. Aber was ist das? Mitten im  spätersommerlichen Meer der Steppengräser wächst ein rosaroter, außerirdisch anmutender Turm empor. Unser Erstaunen ist uns is Gesicht geschrieben. Es ist ein Museum, erfahren wir bald.

Der futuristisch anmutende Museums-Neubau des „Palastes der Königinnen“ (Khatadyn Ö rgöö ) ist der traditionellen Hutform mongolischer Adelsfrauen nachempfunden. Ursprünglich war das lokale Museum als Denkmal für die beiden aus dieser Region stammenden Frauen des Bogd Khaan (Staatsoberhaupt und höchster buddhistischer Würdenträger der vorrevolutionären Mongolei) geplant. Doch der Ort avancierte zu einer Verehrungsstä tte für alle bedeutenden Frauen der mongolischen Geschichte. Denkmäler für lokale Persönlichkeiten sind in der Mongolei ein verbreitetes Phänomen – dennoch ist dieser Ort mit seiner Thematik als nationale Verehrungsstä tte der Weiblichkeit in der mongolischen Geschichte außergewöhnlich und einzigartig.

Für den europäischen Betrachter mag sowohl die eigenwillige Form als auch die Farbgebung sehr gewagt erscheinen. Die Mongolen mögen das.

Heike Sichting

Dominikanerkloster Sainte-Marie de la Tourette

Éveux bei Lyon

Das Dominikanerkloster Sainte-Marie de la Tourette auf den Hügeln über Eveux bei Lyon ist eines der ikonischen Gebäude des Architekten Le Corbusier. Seit den 1970er Jahren steht es allen offen, die das Leben im Konvent und die Architektur über mehrere Tage erleben und daran teilhaben möchten.

Mehrfache Aufenthalte ermöglichten es, die vielfältigen Stimmungen an diesem Ort auf sich wirken zu lassen und einzufangen.

Das Bild zeigt das Gebäude in der topographisch bewegten Landschaft. Der Morgennebel verstellt den weiten Blick auf das Umland und schafft eine Konzentration auf die Architektur. Zugleich bietet der mittige Horizont dem unbestimmten grauen Dunst einen großen Raum, der nicht nur in Bezug auf die geometrisch gegliederte Fassade eine formalästhetische Spannung im Bild erzeugt. Auch inhaltlich gedeutet, verweist der geheimnisvolle Nebelschleier mit dem durchbrechenden Licht auf die Funktion des Gebäudes, in der Mystik wie transzendentale Erleuchtung gesucht wird.

Markus Rosenthal

Blick aus dem Zugfenster: mein traumhafter Sitzplatz

2020 war ein Jahr enorm reduzierter Geschäftigkeit und stark gedämpfter Gesprächskulissen auch beim Bahnfahren. Daraus ergaben sich für mich ungewohnt störungsarme Einlassungen auf das Tagträumerische beim Vorbeifließen der Gegend am Zugfenster. So konnte ich den „Freiraum für Intentionalität“ und die damit einhergehende spezielle „geistige Produktivität“ für den Bahnreisenden – wie das der Psychologe Rainer Schönhammer bezeichnet – mehrmals anhaltend auskosten.

Selbst wenn sich, in hoffentlich nahe liegender Zeit, die Züge wieder mehr füllen, steht also meine Empfehlung: Gehen Sie doch immer wieder einmal auf eine innere und äußere Entdeckungsreise per Schienen weg, denn: „Was uns immer wieder bei der Fahrt mit der Eisenbahn fesselt, ist der Blick hinaus. Vielleicht sehen wir nur Schlote oder Hochöfen, Hinterhäuser oder verschachtelte Dächer, Klötze von Wohnblöcken oder Schrebergärten – auch das Hässliche und Bedrückende gehört dazu. Kein anderes Verkehrsmittel bietet uns eine so geraffte und doch noch deutliche Anschauung von Stadt und Land“ (Heinrich Lützeler, Kunsthistoriker, 1971).

Holger Helm

Bild: „Blick aus dem Zugfenster bei Regen“, 50 x 70 cm, Öl auf Leinwand, Susanne Kiesewetter, 2017

Abgesiedelte Fläche der Grubenteichsiedlung

Lauchhammer

Das Foto habe ich im vergangenen Frühling aufgenommen. Es zeigt die abgesiedelte Fläche der Grubenteichsiedlung in Lauchhammer. Die Häuser wurden damals auf den Kippenflächen des Braunkohletagebaus errichtet. Jahrzehnte nachdem der Tagebau stillgelegt war, wurde eine unzureichende Standfestigkeit des Bodens festgestellt, sodass die betroffenen Einwohner ihre Häuser aufgeben und umziehen mussten (ca. 2016).

Als ich den Ort besucht habe, wusste ich nicht, was mich erwartet und war am Ende sprachlos, dass nichts, aber auch wirklich nichts daran erinnert, dass sich dort ein Wohngebiet befand. Es sind keine Reste von baulichen Anlagen oder irgendwelche Gartenstrukturen erkennbar. Das einzige, was geblieben ist, ist die Laterne aus sozialistischen Zeiten, die den einstigen Eingang zum Gebiet markiert.

Josefine Petrenz

Leipzig-Plagwitz

Leipzig-Plagwitz erfuhr seinen industriellen Aufschwung und den entscheidenden Funken fü r eine wirtschaftliche Entwicklung durch den Rechtsanwalt und Industriepionier Karl Heine. Schnell wurde der Stadtteil das erste großflächige und planmäßig entwickelte Industriegebiet in Deutschland.

Die voranschreitende Aufwertung des Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau führt leider auch dazu, dass die dort ursprünglich ansässige Bevölkerung der Industriearbeiter durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt und Freiräume eingegrenzt werden.

Unweit des obigen, selbstverwalteten Kultur- und Wohnprojektes in ehemaligen Industriegebä uden der Giesserstrasse findet man u.a. die bunte florierende Kunstszene in einer ehemaligen Spinnerei-Fabrik oder auch die Niemeyer-Sphere, die in Form einer Kugel an der Oberkante eines backsteinernen Industriegebäudes aus der Zeit des Historismus als modernistisches Architekturelement integriert ist.

Andreas O. Trauzettel

Stavanger

Norwegen

Ein lauer Spätsommerabend in der norwegischen Ölhauptstadt Stavanger. Der Aussichtspunkt auf dem Felsplateau bietet einen nachhaltigen Blick auf den seit Jahrhunderten genutzten Hafen und die ihn umgebende Bebauung. Sie wird geprägt durch die auffallende Harmonie von Alt und Neu sowie durch die schlichten, teilweise farbigen Häuser mit zwei bis drei Geschossen.

Trotz zahlreicher Neubauten hat sich die Stadt mit ihrem pittoresken, unter Denkmalschutz stehende Altstadtbereich „Gamle“ den Charme einer Fischerstadt erhalten.

Bis nahe an das Stadtzentrum erstreckt sich das Hafenbecken, an dessen Rändern Segel- und Ruderboote sowie Fischkutter und Passagierkatamarane vor Anker liegen, Angler geduldig auf den Fang warten.

Vertieft in diese Szenerie übersehe ich die unerwartete und geräuschlose Hafeneinfahrt eines die Weltmeere befahrenden Ozeanliners. Innerhalb von wenigen Minuten verstellt dieser stählerne Koloss, mit seinen Tag und Nacht laufenden Dieselmotoren und den über tausend Passagieren an Bord den beeindruckenden Ausblick. Nichts ist mehr, wie es eben noch war.

Ulf Zimmermann

Landschaftsarchitekten „On the Garden Road“

Landesgartenschau Ingolstadt, Deutschland, 2020

Im Sommer 2020 besuchten wir die Landesgartenschau Ingolstadt. Bedingt durch die Coronapandemie blieb sie für die Öffentlichkeit geschlossen. Der Landschaftsarchitekt Matthias Därr führte unser Büro durch die stillen Anlagen. Alles war vorbereitet auf den großen Ansturm, wurde mit viel Mühe und Zeitdruck erschaffen und dann plötzlich Stillstand, Ruhe, eine große Leere. Ungestört davon sprudelten die Fontänen der Wasseranlagen, blühten die Pflanzungen, tanzten leere Schaukeln auf Spielplätzen im Wind. Ab und zu erblickten wir einen Pflegetrupp oder den Security Dienst.

Herr Därr erzählte uns nicht nur vom Baugeschehen, von technisch schwierigen Details, sondern auch von den Problemen, die ein Jahr Stillstand bei einer Gartenschau bedeuten. Wir hoffen sehr, dass eine Öffnung in diesem Jahr möglich ist und sind gespannt, wie sich die Anlage in der Zwischenzeit entwickelt hat.

Janette Uhlig

Inspiration

Rubjerg Knude, Dänemark

Unterwegs entdeckt man die unterschiedlichsten Symbiosen von Licht, Farben, Materialien, Räumen und Vergängnis. Diese sind in ihrer Wirkung zum Teil geplant, ergeben sich häufig aber ganz zufällig aus dem Zusammenspiel von Funktionen, Zeit und Raum. Die meisten Architekten leben von diesen Eindrücken, saugen diese auf und lassen sich inspirieren.

Im Bild der längst verlassene, ehemalige Leuchtturm Rubjerg Knude ganz im Norden von Dänemark. Dieser wurde 1900 errichtet und ist aufgrund des Sandes, der Jahr um Jahr weiter ins Landesinnere wandert, seit 1968 nicht mehr im Betrieb. Der Turm wird in wenigen Jahren ins Meer stürzen, da die Abbruchkante der Küste jährlich um zwei Meter erodiert.

Dirk Fellendorf

Das Wunder der Görlitzer Altstadtmillionen

Es war einmal vor ca. zwei Jahren, als wir alle noch reisten und beim regelmäßigen und trotzdem mehrtägigen Klassentreffen uns und das glückliche Erreichen des Abiturs in Görlitz immer wieder feierten. Unsere Schulzeit prägten strenge, freundliche und kulturvolle Lehrer, umgeben von einer grauen, zerfallenden historischen Stadt.

Neben dem obligatorischen, abendlichen Fach-Kolloquium im „Pauker“ oder der „Schwarzen Zunft“ mit Landskron-Bier streiften wir tagsüber geführt durch die wundervoll auferstandene, schöne Stadt, ihre Museen, Klöster, Handelshäuser oder Synagoge. Dank der engagierten Arbeit unserer Kollegen in Görlitz, der Denkmal pfleger und Restauratoren, dem anonymen Millionen-Spender und den vielen Bauherren, die die Mühe der Rekonstruktionen auf sich nahmen, sind wir jedes Jahr aufs Neue erfreut, wie liebevoll und sorgsam bis ins kleinste Detail die Schönheit der Gebäude und damit der Stadt wiederhergestellt worden ist. Selbstverständlich stehen auch noch Gebäude, Brunnen und Plätze in einem traurigen Zustand und bröckeln vor uns hin.

Zum zigsten Mal hatte ich mir gerade das Buch „Das Wunder der Görlitzer Altstadtmillionen“ gekauft. Am Elisabethplatz steht so ein nicht saniertes, vom Leben zerbeultes Gebäude, dem ein Retter eindrucksvoll den bröckelnden Erker mit Geschick, Augenmaß und statischem Gespür gesichert hat. Mit dem Buch unter dem Arm stand ich da und habe mich über die simple heitere Lösung gefreut.

Dr. Klaus Löschner

Landshuter Hochzeit 1475

Landshut, Bayern

Als Radebeuler hatten wir noch nie von diesem Ereignis in Bayern gehört, aber durch die umfangreichen Beiträge im Netz relativ schnell Begeisterung gefunden. Nach einem Wanderurlaub in Südtirol sind wir gut erholt nach Landshut gefahren.

Der Ursprung dieses unglaublichen Stadtfestes geht auf die Hochzeit Hedwigs von Polen mit dem Herzog Georg der Reiche von Bayern-Landshut im Jahr 1475 zurück. Schon seit 1903 wird dies als mehrtägiges Festspiel nachgestellt und aller vier Jahre aufgeführt. Ein Verein mit ca. 7.000 Mitgliedern (Bedingung: alle Landshuter) stellt mit ungefähr 2.500 Darstellern diese Hochzeit im historischen Kontext nach. Das heißt, alle damals zur Hochzeit anwesenden Herrscherhäuser werden nachgestellt. Auch Margarethe, Witwe des Herzogs, und Kurfürst Friedrich von Sachsen und Christine, ihre Enkelin, reisten mit umfangreichem Gefolge – und jetzt vor noch umfangreicherem Publikum – über den Turnierplatz zur Königstribüne.

Berauschend war das Stadtfest für uns inmitten der Häuser aus Gotik und Renaissance! Die Authentizität durch die einerseits aufwendigen Kleider, Frisuren, Kopfbedeckungen, Schmuck bis hin zu Tischschmuck, Trinkgefäßen, Waffen usw. sowie andererseits die mit echter Inbrunst mehr gelebten als gespielten Rollen kamen mir vor, als ob diese Landshuter das Fest aus dem 15. Jh. tief in sich über Generationen mit Gefühl und Freude weitergeben. Es war umwerfend beeindruckend! Die nächste Aufführung findet vom 30. Juni bis 23. Juli 2023 statt.

Bettina Löschner

Feuerlöschturm über Stadtmodell

Rathaus Kristiansand, Norwegen, 2019

„I met a
A Christian in Christiansands
And a devil in Helsinki ...“¹

Der Stadtgrundriss von Kristiansand folgt dem Raster des Hippodamischen Schemas der griechischen Antike. Leon Trotsky besuchte Kristiansand. Die Nazis installierten eine Kanonenbrücke über den Skagerrak nach Dänemark.

Mitten in der Rasterstadt wird eine Feuerwache in ein neues Rathaus eingebürgert (HRTB Arkitekter AS, 2014). Das lohnte sich nur, wenn alles mit einem Minus-Eins-Flur zusammengeschlossen werden kann. Der denkmalgeschützte Feuerwachturm aus dem Jahr 1894 mit 500+ Tonnen Eigengewicht soll in der Luft stehen bleiben. Armer Turm: Er wird mit einem Betonschwimmring umgossen und freigebuddelt. Jetzt stützt sich eine Art freistehender Kamin auf visuell dünnen Stahlröhren ab. Das Ganze wirkt gleichermaßen konstruktiv vage und dramatisch inszeniert: Auf der neuen (leeren) Minus-Eins-Ebene sehen wir ein Stadtmodell...

Womit bewerten wir die visuelle Aufregung? Das Projekt bewirbt sich energetisch als „dunkel grün“². Schön, dass die alte Feuerwache in Fassade und Turm erhalten wurde. Doch warum – Frage an uns alle – der enorme Aufwand für die riesigen „Atrien“ in der zeitgenössischen Architektur?

Niels-Christian Fritsche

¹ Tricky: „Christiansands“, Song, 3:52 min; Album „PreMillennium Tension”; Island/PolyGram Records (1996)
² www.arkitektur.no › buildings-of-the-future1

Kunstgeschichte und Gegenwart

Architektur und Malerei

Treptower Tor, Neubrandenburg

Das Treptower Tor ist eines der vier Stadttore Neubrandenburgs und zugleich deren höchstes und repräsentativstes. Es wurde um 1400 im spätgotischen Stil errichtet.

An vier Stellen, jeweils markiert durch eine gelbe Stele, wird in der Stadt gezeigt, wie Künstler die Stadt sahen. Im Jahre 1925 hat Lyonel Feininger von hier aus seine Sicht auf die Stadtbefestigung und das Treptower Tor auf Leinwand gebannt. Kunstgeschichte und Gegenwart – Architektur und Malerei.

Annette Zehn

Wie war das noch beim letzten Mal, da, wo wir heute hinfahren wollen?

Letzten Sommer während des Urlaubs in Schweden an der Grenze zu Norwegen kamen wir auf die Idee, einen Tagesausflug nach Oslo zu unternehmen. Über die Grenze sollte eigentlich zu Corona-Zeiten eine Kontrolle stattfinden, sagte man uns. Aber als wir ankamen, war alles, was wir sahen, ein einsamer Tisch mit einer Flasche Desinfektionsspray inmitten einer Straßenkreuzung – nur das und sonst niemand: Selbstverantwortung auf Skandinavisch.

Weiterfahren nach Oslo: erst die Landschaft, dann immer mehr Häuser, alles wird dichter und mehr Verkehr. In der Stadt nehmen wir eine veränderte Stimmung wahr. Die Menschen sind weniger zusammen, Abstand zueinander, Mund- und Nasenbedeckung, gemütlich im Café sitzen, nein, nicht möglich, Desinfektionsspray überall, der neue Willkommensgruß. Wir versuchen, uns daran zu erinnern, wie es war beim letzten Mal. Einschränkungen wie zu Corona gab es nicht, nun hat uns die neue Wirklichkeit eingeholt. Wir gehen in kein Museum, Betrachtung der Sehenswürdigkeiten nur noch per Augenschein…

Auf den Postkarten waren viele Menschen zu sehen, die hier wohnen oder die Stadt besuchen. Wir dagegen fahren am Abend wieder zurück in unsere Welt. An der Grenze da stand er immer noch: der Tisch ganz allein. Aber ich war mir ganz sicher, heute morgen stand er noch etwas mehr im Weg, also auf der Straße. Wir sind weitergefahren zu unserem Ferienhaus. Dort waren sie: unsere Menschen, unsere Welt.

Titus Parade

Umschlingung

„Zuerst ist der Mensch erbarmungslos, baut alles in die Natur hinein, was ihm einfällt,
aber die Natur auch nicht vornehm, wenn der Mensch kurz nicht hinschaut, ist schon wieder alles zugewachsen.
Da sind wirklich einmal zwei Brutale zusammengekommen, und tut mir keiner leid.“*

*Zitat aus: Wolf Haas, Der Knochenmann

Zur Ehrenrettung des Hauses und seines/seiner Menschen sei gesagt, dass die Natur hier mittlerweile nicht mehr die Oberhand hat und auch das Schild „Büro für Baupflege…“ verschwunden ist. Verwandlungen sind spannend…

Uta Neutzner

Street Art und Einschüsse

Sarajevo

Anfang Oktober 2014 ging die Reise mit einer studentischen Gruppe nach Bosnien-Herzegowina. Über ein Projekt konnten wir in Jajce, einem Ort der durch seine Wasserfälle bekannt ist, Aufbauhilfe für das dortige Jugendzentrum leisten. Die glücklichen Augen der Kinder waren für uns wohl der schönste Lohn unserer Arbeit. Auf der Weiterfahrt mit einem Kleinbus nach Sarajevo ging es durch Berglandschaften, durch Schluchten und Täler. An vielen Stellen sind immer noch die Spuren des Bosnienkrieges von 1992–1995 zu sehen. Dabei geht die Reise vorbei an vielen Stellen, an denen die Kämpfe stattfanden, wo viele Menschen starben. Teilweise sind die Bergwiesen übersät mit weißen Stelen der Gräber.

Sarajevo, wo 1984 die Olympischen Winterspiele stattfanden, liegt in einem Kessel. Architekturkollegen in der Stadt erzählten, dass diese eingekreist war und von den umliegenden Bergen beschossen wurde. Die Stadt sollte ausgehungert werden und der Widerstand wuchs…

Ob Energiekrise, Nachhaltigkeit, Cradle to Cradle – merken wir doch gerade jetzt in der Zeit der Pandemie, was uns die sozialen Kontakte wert sind und wie wichtig Verständigung und Frieden sind. „Street Art und Einschüsse“ – das ist weltweit die Zeit in der wir leben!

Wolfram Richter

Niedere Tatra

Slowakei

Die Niedere Tatra in der heutigen Slowakei war vor der Wende für viele ostdeutsche Touristen ein Urlaubsziel in der damaligen Tschechoslowakei. Es dauerte einige Jahre, bis einige wieder dieses Land besuchten und damit ihre Erinnerungen an die Vergangenheit und die Möglichkeiten, welche die DDR-Touristen hatten, wieder erweckten.

Auf dem Foto ein Blick auf eine alte Liftstation, gebaut in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts in der Lizenz der Schweizer Firma – Von Roll, auf dem Chopok (2.000 m.ü.M.). Im Hintergrund die neue Seilbahn, gebaut von der Österreichischen Firma Doppelmayr im Jahr 2015.

Igor Faško

Menschgemachte Landschaften

Geiseltalsee im Winter

Der Geiseltalsee im südlichen Sachsen-Anhalt ist mit fast 19 Quadratkilometern Wasserfläche der größte künstliche See in Deutschland und das größte Gewässer im Mitteldeutschen Seenland mit seinen zahlreichen Tagebaurestseen. Die wilde Schönheit der Landschaft, gerade im Veränderungsprozess, lässt manchmal vergessen, dass es sich um weiträumig verwüstete Regionen handelt, die sich die Natur nun zurückerobert – wiederum reglementiert und gelenkt vom Menschen.

Der Abbau von Braunkohle im Geiseltal begann nachweislich bereits um 1700. Etwa 200 Jahre später entstand mit der industriellen Kohleförderung eines der größten zusammenhängenden Tagebauareale Deutschlands. In der Folge wandelten sich das Landschaftsbild und die Siedlungsstruktur grundlegend: Mehrmals wurde der Flusslauf der Geisel verlegt, Bahnstrecken wurden neu trassiert oder rückgebaut, 18 Siedlungen ganz oder teilweise überbaggert, über 12.000 Menschen umgesiedelt. In der Nachbarschaft siedelten sich in großem Maßstab Chemiebetriebe an.

Mit der Einstellung der Kohleförderung im Tagebau Mücheln 1993 endete der Braunkohlebergbau im Geiseltal vollständig. Sanierungsmaßnahmen mit dem Ziel der Nachnutzung begannen bereits 1991. Das Restloch wurde ab 2003 zum Geiseltalsee geflutet und erreichte 2011 seinen Endwasserstand. Das Foto entstand bereits 2009 vor Ende der Flutung.

Gisela Krämer

Green Village

Bali, Indonesien

Ich muss zugeben, dass dieses Bild aus der Zeit vor Covid-19 stammt, als Reisen noch problemlos möglich war.

Im Mai 2018 besuchte ich einen dreitägigen „Bamboo Building Workshop“ im Green Village auf Bali. Dort gibt es eine große Anzahl recht exklusiver Ferienhäuser die (fast) komplett aus Bambus errichtet sind. Ein ideales lokales Baumaterial für das tropische Bali.

Michael Persch

Sainte-Marie de la Tourette

Eveux

Auf dem Rückweg von Korsika im Kloster La Tourette übernachtet. Das Werk von Le Corbusier hat mich seltsamerweise wenig berührt. Ein in Beton gegossenes Regelwerk.

Peter Zirkel

Bruder-Klaus-Kapelle

Wachendorf

Der unbefestigte Parkplatz liegt am südlichen Rand des kleinen Ortes. Auf einer Anhöhe in der Ferne erhebt sich mitten im Grün ein sandgrauer Turm. Im Näherkommen durch Wiesen und Felder erschließt sich das Äußere. Allseitig geschlossene Flächen mit waagerechten Schichtungen aus Stampfbeton fügen sich über einem unregelmäßigen Fünfeck zu einer strengen Vertikalen. Eine dreieckige Stahltür eröffnet den skulptural bewegten Andachtsraum, archaische Höhle und eindrücklicher sakraler Lichtraum zugleich.

Die Bruder-Klaus-Feldkapelle wurde 2005 – 2007 nach Plänen von Peter Zumthor durch die Landwirtsfamilie Scheidtweiler und vielen Helfern „auf eigenem Grund“ geschaffen. Die Kapelle ist dem heiligen
Nikolaus von Flüe – genannt Bruder Klaus – gewidmet.

Matthias Helm

Perforierte Stupas

Buddhistische Tempelanlage Borobudur, Insel Java, Indonesien

Borobudur (auch Borobodur) ist die größte buddhistische Tempelanlage der Welt. Erbaut wurde die kolossale Pyramide zwischen ca. 750 und 850. Der Borobudur geriet für fast 1000 Jahre in Vergessenheit. Es ist zu vermuten das es um 930 einen gewaltigen Vulkanausbruch gab, die Bevölkerung der Region hatte das Gebiet verlassen. Der extreme „Ascheregen“ und die tropische Vegetation deckten das ca. 123 m lange (Kantenlänge) und ca. 31 m hohe Bauwerk komplett zu.

Erst 1814 wurde der überwucherte Tempel wiederentdeckt. Restaurierungsarbeiten 1973–1983 brachten große Teile der Tempelanlage an das Tageslicht und zur ursprünglichen Attraktivität zurück. 1991 wurde Borobudur von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. Die Bundesrepublik Deutschland unterstützte die Restaurierungsarbeiten von 2011–2017 mit Finanz- und Sachhilfe.

Bauart:
– mörtelfreie Fugenbauweise
– Vulkangestein und Basalt

Gerd Müller